Lipstick

Theater im Nachtclub, 1992

LIPSTICK nach THE WOMEN von Claire Booth Luce im Zürcher Terrasse-Club

Übersetzt, bearbeitet und inszeniert von Rudolph Straub

Showdown der Frauen – mal Modeschau, mal Damenwestern

Showdown im Showroom – ein teuflisches Gesel­linnenstück legt den Blick frei auf etwas, was an dieser Stelle die Männerwelt noch nie zu sehen und zu hören bekam. Im Cabaret-Variete Ter­rasse, zur Cocktail-Hour – vor dem programmati­schen Auftritt der Go-go-Girls, lassen hier die Hülllen fallen:  Damen der besten aller Gesellschaften; Seelen-Strip, auf dass die Fetzen fliegen! 

Theaterperlen sind, da rar, stets eine unver­mutete Entdeckung. ‘Lipstick’ von fusyon (das Aargauer smomos-Theater und die yoyo-produc­tion Zürich) ist eine solche, eine Preziose, wo andere Produktionen oft nur Schein sind, inhaltsleere Konzept­kunst in extravaganten Räumen, Möbelgeschäf­ten, Schiffen etc. 

Wenn in rotplüschiger Umgebung eine Frauenrunde am Nabel der Stadt über Un­fruchtbarkeit, Dammschnitt und «Ocean-Brush­ing» sich aufhält, bekommt Gestalt, was in der Luft vor dieser Tür tatsächlich liegt.

Die Einrichtung von Alexandra Prusa, nach einer Idee der Dramatikerin Petula Schreve in der Bearbeitung von Rudolph Straub im Environ­ment eines Kabaretts, ist sinnfällig – und neben­bei eine Hommage und Abschiedsvorstellung für den altehrwürdigen Raum, der in Kürze ver­ändert, d.h. im Juni renoviert und umgebaut wird.

‚Lipstick‘: eine Persiflage, ein satirisches Kaba­rett? Die Herren werden nicken, Gattinnen, Freundinnen, verflossene die Köpfe schütteln: Life is a cabaret und das ihrige eines, das oft jeder Beschreibung spottet. In ‚Lipstick‘ begleitet der Zuschauer die Jagd- und Beutezüge eines Freun­dinnen-Quartetts, dessen Sinn das Ringen um Schönheit und Jugendlichkeit ist, zwecks Wah­rung des (eines) Mannes an der Seite. Unge­hemmt karikierend, schwungvoll sich an Kli­schees und Effekten aufrichtend: die Massage, der Coiffeurbesuch, die Sauna, Yogastun­den und Kleiderkauf – alles dient nur diesem einen – und jenem anderen: dem Anbändeln – ohne Rücksicht auf be­stehende Besitzverhältnisse der Anderen. Die sar­kastische Sarah (Alexandra Prusa), ehemalige Modefotografin mit Herz für Tiere, leistet an einem reichen Alkoholiker Auf­bauarbeit, und so finanziert er ihre Liebhaberei. Freundin Marion (Brigitt Walser), manierliche Gattin eines Wirtschaftsanwalts, ‚passiert‘, was jeder verheirateten Frau passieren kann – sie wird betrogen: mit einer tollen Dolly (Meret Matter jüngst als Regisseurin und Darstellerin der Galuga-Projekte im Theaterhaus Gessnerallee zu sehen). Sidonia (Margot Gödrös) ist eine falsche Tigerin, die ihre Krallen effekt-, aber liebevoll in fremdes Fleisch schlägt, und Evelyn (Brigitta Weber) ein Evchen auf dem Weg zur Mutterschaft. 

Nebst professionellen Mannequins weitere schicksalhaft miteinander verknüpfte Perlen aus den Untiefen des realen Frauenlebens geben: Patrizia Moresco, Bettina Lindtberg, Verena Boss­hard.

Die Inszenierung von Rudolph Straub perlt spritzig wie der Champagner, an dem nippend – von Jazzpianistin und DRS-Big-Band-Sänge­rin Marianne Racine virtuos unterhalten – man über den Rand des Glases hinweg einem hochprozenti­gen Vergnügen beiwohnt.

M. D./ Neue Zürcher Zeitung, 15. April 1992

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