Lenin in der Oper
Geschrieben und inszeniert von Rudolph Straub
Uraufführung Musikfestwochen Winterthur 1986
(..) Körperartistik, Slapstickmomente, Einfrieren und Überstilisieren der Gestik zusammen mit dem Schattenspiel hinter den Transparentwänden ergeben eine Art Dada-Kriminalfilm, der sich ständig selbst ad absurdum führt. Wonnevoll verwirrt man das Publikum mit widersprüchlichsten Aussagen über den möglichen Mord an der russischen Primaballerina Petruschka Melinakowna, die tot in einem Boot gefunden wird – von Ratten an- oder totgebissen.
Und Lenin? War er denn in der Oper, wo die Ballerina aus Russland 1916 bei einem Gastspiel in Zürich auftrat? Jedenfalls füttert er am Schluss des Stücks Schwäne.
Etwas später ging er dann heim Revolution in Russland machen – aber entscheidend für die YoYo-Leute war wohl eher, dass Dada gleichzeitig, und ausgerechnet zweihundert Meter von seinem Wohnort in Zürich entfernt künstlerische Revolution machte.
Insgesamt eine runde Leistung des Ensembles (Alexandra Prusa, Martin Huber, Sieglinde Schneider Beatrice Stoll und Peter Rinderknecht), die alle in diesem lustvollen Verwandlungsspiel bis zu drei Rollen übernehmen – eine runde Leistung, die etwas von der schillernden Rundheit einer Seifenblase hat. (..)
Heiko Strech, TagesAnzeiger 26.10.1987
Nikki
Musical-Oper von Rudolph Straub, Libretto, und Carl & Tobias Rüti, Komposition
Uraufführung, 2008
Eine doppelte Dänin im Schweizer Dorf – Casino-Theater Zug
Am Freitag feierte die Musical-Oper ‚Nikki‘ (Libretto und Inszenierung: Rudolph Straub) im CasinoTheater Zug Premiere. Und entpuppte sich als gekonnte Inszenierung mit beeindruckendem Bühnenbild.
Die Story ist etwas verwirrend und auf zwei zeitlichen Ebenen angesiedelt. Sie beginnt mit der Ankunft der dänischen Fernsehjournalistin Vicky Lundberg, die im fiktiven, überaus idyllischen Schweizer Örtchen Thalstätten die Geschichte des Aupair-Mädchens Nikki Jensen recherchiert, das vor vier Jahrzehnten am gleichen Ort beim Autohändler-Ehepaar Frei angestellt war und dort die Zwillinge Anatol und Benjamin betreute.
Nikki, Ausschnitt 05:32′
Die lebensfrohe Nikki sorgte in Thalstätten mit ihrem sonnigen Gemüt für gute Laune, ausser bei den Beach Boys, einer Gruppe adoleszenter Wasserballspieler, die nicht darüber hinwegkommen, dass die junge Skandinavierin schneller schwimmen kann als sie: Diese aquatischen Fähigkeiten helfen ihr allerdings wenig, als Anatol in den See stürzt und sie beim Rettungsversuch ebenfalls ums Leben kommt. Dass sein Bruder und sein Kindermädchen allerdings tatsächlich tot sind, bezweifelt der kleine Benjamin und spekuliert, die beiden würden in einer Zwischenwelt weiterleben, in einer längst versunkenen Stadt auf dem Grund des Sees. Wie gesagt, die Story ist etwas verwunden konstruiert, doch ihre musikalische Umsetzung verblüfft. Die unaufgeregt komponierten Songs (Kompositionen: Carl und Tobias Rüti) pendeln zwischen Jazz und beatlesken Harmonien und passen bestens in die besungene Epoche der ausklingenden Sechzigerjahre, während welcher die Titelheldin Nikki (neben Vicky als Doppelrolle gespielt vom jungen dänischen Musical-Talent Kristine Yde Eriksen) in Thalstätten wirkt.
Nikki, ganze Länge 02:31:42′
Als zweites herausragendes Element entpuppte sich bei der Premiere am Freitagabend das von Daniel Christen entworfene Bühnenbild, das mit dezent eingefügten Film- und Foto-Versatzstücken die mitunter mysteriös verlaufende Handlung atmosphärisch und stimmungsreich unterstützt. All diese Aspekte fügen sich zu einer – der Begriff ist etwas unglücklich gewählt – Musical-Oper, die innerhalb des hiesigen Sing-und-Tanztheater-Schaffens als Paradebeispiel für ein wahrlich gelungenes Werk zu werten ist.
Philippe Amrein
Tages Anzeiger, 4. September 2008


















FRANK V.
Oper einer Privatbank
von Friedrich Dürrenmatt
Inszenierung: Rudolph Straub – Teatr Rozrywki, Chorzow, Poland
Premiere 2013
Gangster-Epos – Geschichte einer Bank
Die These der brillanten Aufführung zur Saison-Eröffnung im Teatr Rozrywki ist klar vom ersten Song weg: wenn die Welt auf Geld gebaut, und dieses von privaten Banken beherrscht ist, dann kann keine Macht der Welt die Bank-Blutsauger daran hindern, zu lügen, zu betrügen und ihre Kunden ins Verderben zu stürzen.
Das dachte Friedrich Dürrenmatt vor über einem halben Jahrhundert, und man kann der Regie des schon mehrfach in Polen erfolgreichen Schweizers Rudolph Straub, sowie den Produzenten von ‘Frank V’ kaum widersprechen, wenn sie meinen, dass diese Gangster-Bank-Komödie heute noch und wieder aktuell ist.
Ausschnitt, 09:39′
Ihre hervorragende Idee, einen prophetischen Text aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts mit kalten Bildern aus der modernen Banken-Welt zu verbinden, sollte zudem durch die Heraushebung des Grotesken bei diesem Autor nur profitieren. Glücklicherweise zeigen die Schauspieler denn auf der Bühne auch eine wahrhaft teuflische Auswahl von Absonderlichkeiten. Seltsame Kreaturen, besessen von der Gier nach Geld – dem Geld der anderen – gleichen da Menschen und Puppen in einem. Als hätte ihnen der Dämon des Mammons bereits all ihr Blut ausgesaugt: zum Beispiel in der dramatischen Szene von der Übergabe des Check-Buchs – aber ich will hier nicht mehr verraten, um keine Überraschung vorwegzunehmen.
Ganze Länge, 01:11:00′
Die grausamste Figur dieser schlimmen Truppe ist Ottilie, Franks Frau, in der glanzvollen Interpretation von Elżbieta Okupska, welche im Finale eine beeindruckende emotionale Wende demonstriert. Frank wird von Arthur Święs überzeugend dargestellt als ein Mann, der zwischen Gier und kindlicher Aufmerksamkeitssucht hin- und hergerissen wird, und sich trotzdem in den von seiner Frau entworfenen Lebens-Plan fügt. Zwei sehr unterschiedliche, scharf gezeichnete und ausdrucksvolle Leistungen.








Aber auch im Theater macht das, was ihn umgibt, den König aus, und so lasse ich gern dem ganzen Team Gerechtigkeit widerfahren, welches durch die Kreation ihrer Charaktere den Hauptfiguren den passenden Rahmen schaffen. Eine ähnliche Rolle spielt das Bühnenbild und das phantastische Licht-Design von Pawel Dobrzycki.
Henryka Wach-Malicka
Polska Dziennik Zachodni online
17/09/2013
En schöne Held / The Playboy of the Western World
von John Millington Synge, ins Schweizerdeutsche übersetzt und inszeniert von Rudolph Straub
Zürich, Theater Depot Tiefenbrunnen, 1985
Ab morgen Samstag wird im Tramdepot Tiefenbrunnen die Mundartfassung des Stückes ‚The Playboy of the Western World‘ (‚En schöne Held‘) des irischen Dramatikers John Millington Synge gespielt. Mit Rudolph Straub, der das Stück übersetzt und inszeniert hat, sprach André Grab.
‚Das Leben ist nur erträglich, wenn ich mit all seinen Äusserungsformen spielen kann‘, stellt er fest: Rudolph Straub. Jahrgang 1952. Schauspieler, Autor, Regisseur. Entnehme ich seinem Lebenslauf, ausgebildet an der Schauspielakademie Zürich, an der Ecole Lecoq in Paris und bei Ellen Widmann.
‚Ich beobachte die Grimassen, die das Leben macht, und spiele mit ihnen‘, sagt er und verzieht das Gesicht. ‚Ich schreibe nicht ausschliesslich fürs Papier, ich spiele nicht ausschliesslich eine Rolle, ich inszeniere nicht ausschliesslich ein Stück. Ich suche, bin ständig unterwegs, ich bin ein Gehender‘.
Nein, ein Sesselhocker, der auf den Musengekitzel wartet, ist Straub sicher nicht. Er ist auf eine ganz eigene Art ein Suchender, der sich, ausser auf sich selbst, auf nichts festlegen lässt, der sich keiner Form verschreibt und keine Schemen totreitet. Er hat neben Übersetzungen auch Hörspiele und Stücke verfasst, sowie für Radio und Fernsehen gearbeitet. Ein Multitalent.
Worte als Überlebensmasken
Als Verfasser und Regisseur eigener Stücke und Hörspiele frage ich Rudolph Straub, ob diese Doppelrolle nicht konfliktreich sei. Die Antwort ist ein sowohl erstauntes wie auch entschiedenes Nein. ‚Als Schauspieler spiele ich alles mit. Ich kann mich nicht damit begnügen, etwas nur auf ruhendes Papier zu bringen. Ich spiele mit dem Wort als Lebens- und Überlebensmaske des Menschen‘. Ein Spiel mit Worten ist sicher auch die Synge-Übersetzung in die Innerschweizer Mundart, die vor genau neun Jahren entstanden ist und jetzt ins Theater kommt. Der Problematik von Mundartübertragungen bewusst, frage ich nach der Eigenheit des Dialektes sowie nach den Schwierigkeiten einer solchen Übertragung – und erhalte umgehend die Antwort, dass das alles wohl schwierig sein möge, aber er höre es eben.
Verzweiflung ausbeuten
Straub betont, dass es ihm Spass mache, sich mittels Sprach-Masken zu verwandeln. ‚Sprachen brauchen keine Erfinder. Sie sind das Produkt von Menschen, Gegenden, Landschaften. Sprache an sich ist tönender Ausdruck einer seltsamen Verzweiflung des Menschen’. Er glaube zum Beispiel, dass die Natur keine Sprache brauche – sie ist nicht verzweifelt. Aber der Mensch, diese Verrenkung der Natur, braucht sie. Und er, wie alle Theaterleute, beute Sprache zur Unterhaltung eben aus‘.
Und wie sieht es mit den Chancen einer solchen Produktion und solcher Ideen aus? Straub hat das Stück (das er im Auftrag von TV DRS bereits 1976 übersetzte) Anfang 1984 dem Schauspielhaus angeboten. Trotz anfänglicher Belobigung der Übersetzung scheiterte das Projekt aber offenbar an mangelnden Besetzungsmöglichkeiten des Kulturinstitutes und sicher auch teilweise daran, dass er die Inszenierung selber besorgen wollte.
Dass das Schauspielhaus nun doch eine eigene Playboy-Inszenierung auf Deutsch am Laufen hat, scheint ihn wenig zu stören. Er sieht diese Doppelaufführung, die im Grunde genommen ja keine ist, als interessante Tatsache, als belebendes Experiment. Und meint wahrscheinlich auch, dass Konkurrenz im Kulturbereich Ergänzung sein kann. Ein weiteres Feld auf seinem Spielbrett.
Spielmann unserer Zeit
‚Der Regisseur ist eine Notwendigkeit in einer neurotischen Gesellschaft‘ – diese These unterbricht meine Frage nach seiner Arbeit als Regisseur und danach, ob Schreiben, Spielen und Inszenieren einfach so zusammengehe. ‚Die Zeit des Theaters ohne Regisseur war sicher lustiger, spontaner, verrückter – aber sie ist vorbei. Heute sind wir in einem Netz von komischen Weltansichten gefangen. Es gibt keine populären Typen mehr und auch keine Könige. Zeit ist Mangelware und Narrenfreiheiten sind teuer‘.
Ein verkappter Royalist, der sich nach dem Theater der letzten Jahrhunderte zurücksehnt? Der von alten, wirklichen Schau-Spielern träumt? Von Gauklern und Zauberern? Vielleicht. Er hat selber etwas Gauklerhaftes an sich. Eine Art Spielmann unserer Zeit, ein Maskenträger und Verwandlungskünstler.
Doch will ich keine Masken lüften oder Verkleidungen aufdecken. Ich werde mir lieber einen guten Platz für «En schöne Held» besorgen.
André Grab
Züri-Tip 15.11.1985




Ballade für Johnny
Regisseur, Schauspieler, Produzent
Vom Seemannsherz auf Reisen
sg. Zur Feier des ’20jährigen Bestehens seiner Haifisch-Bar an der Mühlegasse hat sich Käptn Jo etwas Besonderes einfallen lassen: er liess sich von der yo-yo production, einer seit Kurzem bestehenden Vereinigung unabhängiger Zürcher Theaterschaffender, eine Darbietung nach Mass zusammenschustern, die ‘Ballade für Johnny’ heisst – und eine Zeitreise in Bildern für verlorene Herzen, respektive ein Seemanns-Liebesmelodram ist.
Was dann aber unter dem südseemässig funkelnden Sternenhimmel der Haifisch-Bar vor sich geht, ist ziemlich garnierte Show: Ein singender Käptn, die Reeperbahn so wie die Mädchen von St.Pauli werden bemüht, und die See als Heimat und eigentliche Seemanns-Braut – die einzige, der er seine Treue hält. Dazu Variété-Nummern, und hübsch integriert: die tingelnden Strip-Tänzerinnen.




Die eigentliche Handlung des lose eingeflochtenen Melodrams entpuppt sich als Störaktion von vier lebenslustigen Damen und von vier schon ziemlich angeduselten Matrosen, die sich von der Reeperbahn anscheinend direkt ans Limmatgestade verirrt haben: Matrose Johnny, alias der vielseitige Schauspieler Wolfram Berger, den man noch als exzentrischen Maler Rainer aus der „Malstunde“ des ,Rotta-Theaters‘ in lebhafter Erinnerung hat, singt mit heiser lallender Stimme herzerschütternd von Wind, Wogen und Wellen, von Sehnsucht, Suff und Sex – und einem Seemannsliebchen dem es nie so recht gelingen will, die gefährlichen Klippen des Landlebens in verwunschenen Hafenbars zu umschiffen.
Die vier biederen Damen haben sich derweil in paillettenglitzernde Traumsirenen verwandelt, die sich auf der kleinen Bühne mit den Tänzerinnen und den Matrosen, zu dekorativ gestellten Schmachtbildern vor wechselnden Dias zusammenfügen.
Und alles kommt, wie es kommen muss. Nach vielerlei gerade noch einigermassen heil zu Lande überstandenen Abenteuern kippt Lieblings-Matrose Johnny bei widdriger See und Sturmeswogen sehnsuchtsgebrochenen Herzens über Bord zu ewiger Ruh ins Seemannsgrab der kühlen Fluten, während der Wind das schwankende Schiff unbarmherzig weiter westwärts treibt:
Viel Applaus für Autor David Höhner, Regisseur Rudolph Straub, Akkordeonist Hans Hassler, die acht Schauspieler und das Haifisch-Team – und dann geht der Barbetrieb weiter seinen gewohnten Gang.
Felix
nach Robert Walser
Erstaufführung im Teatr Swedzka 2/4, Warschau 1993.
Bearbeitung, Inszenierung Rudolph Straub
Schweizer Theater auf polnischer Avantgarde-Bühne
Müssen wir Robert Walser lieben?
Ich glaube nicht, dass man ihn lieben muss, obwohl das Teatr Swedzka 2/4 mit dem Schweizer Regisseur Rudolph Straub sehr überzeugend dahin wirkt. Robert Walser (1878-1956) ist zwar in den Lexika der Weltliteratur verzeichnet und war als Schriftsteller für Grössen wie Musil, Hesse, Hofrnannstahl, Kafka, Zweig und Walter Benjamin von Interesse, aber das heisst nicht, dass das, was für die deutschsprachige Kultur gut ist, auch für uns reizvoll ist. Die Lebensgeschichte eines Wanderkünstlers, der erfolglos versucht, sich aus der kleinbürgerlichen Welt zu befreien (und vor allem wirtschaftlich zu befreien), mag faszinierend sein; eine Lebensgeschichte, die mit seinem Tod in einer Irrenanstalt endete, wo er fast dreissig Jahre lang blieb. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Biografie, die in „Felix“ bruchstückhaft zusammengefasst ist, zu einem Werk wird. Die Bühne in der Szwedzka-Strasse wurde für die Aufführung von „Felix“ aufwendig umgebaut. Eine (für dieses Theater) riesige Bühnen- und Schauspielmaschine wurde in Gang gesetzt. Es wurde gespielt und gespielt wie Shakespeare im 19. Jahrhundert, obwohl es nur zwei Akte gibt. Jeder der acht Schauspieler spielte drei oder vier Rollen, auf zwei gegenüberliegenden Bühnen und mehreren Ebenen. Es gab Visionen von grosser Schönheit, wie ein Familienfest auf zwei Meter hohen Stühlen mit einem Messer in der Wand; wie die Tante (Malgorzata Niemirska), die mit einem Sessel auf Rädern verschmolzen ist, wie eine Opernkulisse, wie der Palast von Lady und Lord; wie das Hotel, in dem das Mädchen mit dem Glasauge (die schöne Jolanta Lagodzinska) schläft. Es gab interessante Charakterdarstellungen (Mutter und Herrin von Magdalena Kuta, Mai)’Ilarz von Slawomir Olszewski, Tell von Andrzej Musial, Rotrnantel von Miroslaw Zbrojewicz). Jariusz Łagodziński und Mirosław Pożarowski spielten gut, insbesondere die gespaltene Figur des Autors. Es waren satte zweieinhalb Stunden intensiver Anstrengung der Schauspieler und des Publikums, in denen es – und das Stück war als Komödie angekündigt – einmal zu einem spontanen Lachanfall kam, als Schlagsahne versehentlich auf der Jacke eines der Zuschauer landete. Und genau hier liegt das Problem der Walser-Rezeption in Polen. Es hat bereits Versuche gegeben, seine Prosa zu übersetzen, völlig erfolglos. Ich kann mich den deutschen Gelehrten anschliessen, dass der eigentümliche Stil und die Sprache dieser Prosa, die sich den Grenzen der reinen Poesie nähert, reich an Archaismen und Dialektismen ist, den Übersetzer in eine ausweglose Situation bringt. Das konnte man auch im Theater beobachten. Felix‘ hat so viel Inhalt wie ein Boulevardstück – die Lebensreise des Künstlers in Bildern und die Inszenierung seines experimentellen Stücks. In der Oper ziehe ich ‚La Bohème‘ oder ‚Hoffmanns Erzählungen‘ vor – die geben wenigstens nicht vor, Avantgarde zu sein. Ich verstehe Szwedzkas edle Absichten, Warschau in der Geschichte der Weltliteratur zu unterrichten und zu zeigen, wie man in der grossen Welt Regie führt. Aber lohnt sich das bei so einem luftigen Beispiel? Liebe kann blind sein, aber sie muss nicht völlig taub sein.
HANNA BALTYN
Robert Walser
Felix oder das Glück mit Bleistift skizziert
Regie: Rudolph Straub
Bühnenbild: Paweł Dobrzycki
THEATER SZWEDZKA 2/4





Ich bin der Liebling meiner selbst
nach Robert Walser
Erstaufführung Theaterspektakel 1995
Bearbeitung, Inszenierung, Produktion Rudolph Straub
Poetische Walser-Biographie
Rudolph Straub inszeniert sein Walser-Panoptikum «Ich bin der Liebling meiner selbst»
Zwar hat Robert Walser nie ein abendfüllendes Theaterstück geschrieben. Doch seine Prosa eignet sich hervorragend fiir die Dramatisierung. In seinem Walser-Panoptikum «Ich bin der Liebling meiner selbst», das er mit dem yoyo-Ęnsemble inszeniert, beweist dies der Regisseur Rudolph Straub. Anlässlich einer öffentlichen Probe im Zürcher Depot Hardturm erhielt man am vergangenen Freitag bereits Einblick in diese Art poetische Biografie Walsers. Die Uraufführung findet am 25. August im Rahmen des Zürcher Theaterspektakels statt.
Wer nur in den Spiegel schaut, bleibt einsam. Und Einsamkeit wurde im Leben Robert Walsers immer mehr zum dominierenden Gefühl. Doch Walser, so zeigt ihn Rudolph Straub, war nicht einfach ein in sein Abbild versunkener Narziss. Vielmehr einer, der das Paradox von doppelt und doch eins sein akzeptierte und damit spielte. Das ist Schizophrenie – nicht als Krankheit, wie sie Walser schliesslich attestiert worden ist, sondern als Lebensentwurf – wie sie in Walsers letztem Roman «Der Räuber» aufscheint.
Die Bühne als Spiegel
In Rudolph Straubs Walser-Stück, das vorwiegend auf den späten Bleistiftaufzeichnungen des Autors, den sogenannten Mikrogrammen, basiert, ist alles Spiegelung, alles Doppelspiel im wahrsten Sinn des Wortes. Schon der ganze Bühnenrahmen ist darauf angelegt, ja selbst die Platzierung des Publikums, das sich auf den zwei entgegengesetzten Seiten der Bühne setzt und wie in einen aufgerichteten Spiegel blickt.
Ich bin der Liebling meiner selbst, ganze Länge, 01:44:55′
Im ersten Teil seines Panoptikums stützt sich Straub auf die quasi autobiografischen _«Felix-Szenen». Eine Art Ansager führt die jeweiligen Episoden aus der Jugendzeit kurz ein. Doch die Figur entpuppt sich als eine von Walser erfundene. Es ist der Diener Caesar, dessen sich Walser in seinem tatsächlichen Leben für sein Inkognito bedient hat. Allerdings wandelt sich diese Caesar-Figur weiter zum exakten Spiegelbild der Figur des Autors. Jean-Michel Räber als Walser und Ernst Süss als Caesar/Walser stecken denn auch nicht nur im gleichen dunklen, etwas abgetragenen Strassenanzug mit Hut und Schirm. Ihre Bewegungen verlaufen immer wieder synchron. Und am Ende bleibt Walser nur Walser übrig.
Doch das Ende zeichnet sich von Anfang an ab. Bereits die Familie, ein kleinbürgerlicher Kreis von erschreckender Morbidität und Banalität, weiss mit Felix nichts anzufangen. Auf die Ausgrenzung durch die Tischrunde, die auf überhöhten metallenen Stühlen sitzend das Tischtuch zwischen sich spannt, folgt die Ausgrenzung des späteren Autors aus der Gesellschaft.
An die Stelle der Autobiografie tritt im zweiten Teil die Fiktion. Die Welten, die Walser schafft, sind ihrerseits jedoch nicht ohne Bezug zur Gesellschaft, welche sie aber mit Ironie, ja mit Hohn reflektieren, wie etwa im Dramolett vom Lord, der sich in die Strassenwischerin verliebt.
Die Sehnsucht nach einer gültigen Beziehung bleibt unerfüllt, und am Ende wird gar die Distanz zwischen den Ausgegrenzten – dem einäugigen Mädchen, das von habgierigen Nachbarn in eine Schlucht gestossen wird und ihrem Retter im Walser-Kostüm – unüberwindlich.








Melancholie und Humor
Straub gelingt eine weithin geschlossene Inszenierung, die sowohl der Melancholie wie auch dem Humor Walsers Rechnung trägt. Das Ensemble neben Jean-Michel Raber und Ernst Süss – Roswitha Dost, Silke Geertz, Martin Huber, Alexandra Prusa und Kaspar Weiss – meistert das Spiel, das zumeist parallel zu den zwei Publikumsfronten verläuft, hervorragend. Die Bewegungsabläufe wirken zuweilen scherenschnittartig. Die Betonung der Gestik gegenüber der Mimik verleiht dem Spiel jene Ambivalenz zwischen übertriebenem, bereits in die Satire umkippendem Pathos und Ernst, genauso wie dies Walsers Sprache innewohnen kann.
Ganz ohne Bruch verläuft das Stück indes nicht; der Auftritt einer Tell-Figur zerreisst für einen Augenblick die Geschlossenheit der schwebend-poetischen Stimmung mit clowneskem Poltern. Auch der Tell-Text stammt von Walser. Die Kritik an Staat und Gesellschaft ist unverhohlen. Es sei ihm wichtig gewesen, so Rudolph Straub, auch diesen Aspekt in sein Panoptikum einfliessen zu lassen. Allerdings wirkt der inszenatorische Einfall nicht zugunsten eines Gesamtbildes. Er bleibt quere Episode ohne Einbindung.
Zur öffentlichen Probe im Depot Hardturm war das Bühnenbild von Daniel Brandely noch nicht ganz vollständig. Ein Hauptmerkmal sind die fahrbaren Elemente, die dem Ensemble rasche Szenenwechsel erlauben, die darüber hinaus den Charakter des Imaginären betonen. Das Spiegelmotiv wird von Brandely ebenfalls aufgenommen. Die definitive Bühne soll von einem Bogen mit (vergrösserten) Mikrogrammen überspannt sein, der das Geschehen wie mit einem Rahmen – einem Spiegelrahmen- einfasst.
Stimmige Theatermusik
Der im Luzernischen wohnende Komponist John Wolf Brennan hat zu Straubs Walser-Stück eine diskrete, jedoch äusserst stimmige Theatermusik geschrieben. Meist zwischen den Episoden als Pausenmusik, manchmal die Szenen untermalend, geht Brennan zwar auf die Handlungsabläufe ein, ohne jedoch vom Grundcharakter eines melancholisch-schwebenden Tons abzuweichen, der vor allem durch einen aufgerauten Streicherklang geprägt wird.
Ronald Schenkel, Luzerner Zeitung 14.08.1995.1995
Premiere von „ Ich bin der Liebling meiner selbst“ im Rahmen des Zürcher Theater Spektakels am 25. August 1995 in der Schauspielakademie Zürich.
Lipstick
Theater im Nachtclub, 1992
LIPSTICK nach THE WOMEN von Claire Booth Luce im Zürcher Terrasse-Club
Übersetzt, bearbeitet und inszeniert von Rudolph Straub
Showdown der Frauen – mal Modeschau, mal Damenwestern
Showdown im Showroom – ein teuflisches Gesellinnenstück legt den Blick frei auf etwas, was an dieser Stelle die Männerwelt noch nie zu sehen und zu hören bekam. Im Cabaret-Variete Terrasse, zur Cocktail-Hour – vor dem programmatischen Auftritt der Go-go-Girls, lassen hier die Hülllen fallen: Damen der besten aller Gesellschaften; Seelen-Strip, auf dass die Fetzen fliegen!
Theaterperlen sind, da rar, stets eine unvermutete Entdeckung. ‘Lipstick’ von fusyon (das Aargauer smomos-Theater und die yoyo-production Zürich) ist eine solche, eine Preziose, wo andere Produktionen oft nur Schein sind, inhaltsleere Konzeptkunst in extravaganten Räumen, Möbelgeschäften, Schiffen etc.
Wenn in rotplüschiger Umgebung eine Frauenrunde am Nabel der Stadt über Unfruchtbarkeit, Dammschnitt und «Ocean-Brushing» sich aufhält, bekommt Gestalt, was in der Luft vor dieser Tür tatsächlich liegt.
Die Einrichtung von Alexandra Prusa, nach einer Idee der Dramatikerin Petula Schreve in der Bearbeitung von Rudolph Straub im Environment eines Kabaretts, ist sinnfällig – und nebenbei eine Hommage und Abschiedsvorstellung für den altehrwürdigen Raum, der in Kürze verändert, d.h. im Juni renoviert und umgebaut wird.




‚Lipstick‘: eine Persiflage, ein satirisches Kabarett? Die Herren werden nicken, Gattinnen, Freundinnen, verflossene die Köpfe schütteln: Life is a cabaret und das ihrige eines, das oft jeder Beschreibung spottet. In ‚Lipstick‘ begleitet der Zuschauer die Jagd- und Beutezüge eines Freundinnen-Quartetts, dessen Sinn das Ringen um Schönheit und Jugendlichkeit ist, zwecks Wahrung des (eines) Mannes an der Seite. Ungehemmt karikierend, schwungvoll sich an Klischees und Effekten aufrichtend: die Massage, der Coiffeurbesuch, die Sauna, Yogastunden und Kleiderkauf – alles dient nur diesem einen – und jenem anderen: dem Anbändeln – ohne Rücksicht auf bestehende Besitzverhältnisse der Anderen. Die sarkastische Sarah (Alexandra Prusa), ehemalige Modefotografin mit Herz für Tiere, leistet an einem reichen Alkoholiker Aufbauarbeit, und so finanziert er ihre Liebhaberei. Freundin Marion (Brigitt Walser), manierliche Gattin eines Wirtschaftsanwalts, ‚passiert‘, was jeder verheirateten Frau passieren kann – sie wird betrogen: mit einer tollen Dolly (Meret Matter jüngst als Regisseurin und Darstellerin der Galuga-Projekte im Theaterhaus Gessnerallee zu sehen). Sidonia (Margot Gödrös) ist eine falsche Tigerin, die ihre Krallen effekt-, aber liebevoll in fremdes Fleisch schlägt, und Evelyn (Brigitta Weber) ein Evchen auf dem Weg zur Mutterschaft.
Nebst professionellen Mannequins weitere schicksalhaft miteinander verknüpfte Perlen aus den Untiefen des realen Frauenlebens geben: Patrizia Moresco, Bettina Lindtberg, Verena Bosshard.
Die Inszenierung von Rudolph Straub perlt spritzig wie der Champagner, an dem nippend – von Jazzpianistin und DRS-Big-Band-Sängerin Marianne Racine virtuos unterhalten – man über den Rand des Glases hinweg einem hochprozentigen Vergnügen beiwohnt.
M. D./ Neue Zürcher Zeitung, 15. April 1992




Abrazo – Tango des Überlebens
Musiktheater-Projekt von Alexandra Prusa
Inszenierung Rudolph Straub
1935 – eine arme junge Frau aus dem Bergdorf Rueras im Vorderrheintal emigriert nach Buenos Aires, überlebt knapp das höllische System der Zwangs-Prostitution, dem dort mittellose, alleinstehende Frauen aus Europa quasi ausnahmslos unterworfen werden, steigt zum Tango-Star auf und kehrt schlussendlich ins kriegsgeplagte Europa zurück, wo sie in Genua ein neues Leben beginnt..
Ein deutscher Kritiker über „Abrazo“: „Alexandra Prusa stellt aktuelle Diskussionen über Migration und Prostitution für die Dauer eines Theaterabends auf den Kopf – und zeigt, dass was vor nicht einmal hundert Jahren eine arme junge Frau aus Europa in Argentinien erlebte, im Grunde genommen identisch ist mit dem, was heute armen Frauen aus Asien, Südamerika und Afrika in Europa oder den USA widerfährt.
Abrazo – Tango des Überlebens, Trailer 6:44′
Abrazo – Tango des Überlebens, volle Länge 1:13:40′
Was Bleibt & Co
Pilot für eine Minisitcom-Webserie in sechs Folgen
Zwischen 2014 und und Ende 2018 führte Rudolph Straub das Event-Lokal Was Bleibt & Co am Bullingerplatz in Zürich. Nebst zahlreichen gastronomischen Anlässen fanden im Bühnensaal von Was Bleibt & Co unter seiner Leitung auch denkwürdige szenische Events statt.
Wegen Problemen mit der Vermieterschaft schloss der Betrieb von Was Bleibt & Co.nicht wie vorgesehen im Juni 2019, sondern bereits am 31. 12.2018. In diesen letzten 6 Monaten war eine Minisitcom-Serie geplant, die live auf der eigenen Bühne dargeboten und für einen Streaming-Dienst aufgezeichnet werden sollte.
Statt dessen wurde zur Freude der geladenen Gäste an der Finissage-Party vom 15.12.2018 dieser Platzhalter-‚Pilot‘ auf einer Grossleinwand gezeigt.
Was bleibt & Co, Sitcom-Pilot, volle Länge 6:53′